Was ist Asexualität?

Was ist Asexualität

Es gibt Menschen, die haben kein Bedürfnis nach Sex. Er macht ihnen keinen Spaß, kommt ihnen vielleicht sogar absurd vor. In Max Frischs Klassiker „Homo faber“ stellt sich der Protagonist Walter Faber – der beim Sex bis auf mit einer einzigen Frau nie positive Gefühle empfinden konnte – die Frage: „Warum gerade so? (…) Wieso eigentlich mit dem Unterleib? (…) Es ist absurd, wenn man nicht selber durch Trieb dazu genötigt ist, man kommt sich verrückt vor, auch nur eine solche Idee zu haben, geradezu pervers.

Walter Faber bezeichnen wir einfach mal als die berühmteste asexuelle Figur der deutschen Literatur. Sex hat er trotzdem, er bedeutet ihm nur nichts – außer eben mit der einen großen Liebe seines Lebens, Hanna. Doch warum sind Menschen asexuell? Welche Abstufungen gibt es? Führen Asexuelle trotzdem Liebesbeziehungen und was ist der Unterschied zur Aromantik?

Asexualität und ihre Abstufungen

Asexualität ist kein wirklich wissenschaftlicher Begriff. Es gibt keine allgemeine Definition davon. Und doch haben wir eine gewisse Vorstellung davon, wir verbinden ihn mit sexuellem Desinteresse. Menschen, die keinen Sex haben und auch keinen haben wollen, bezeichnen wir als asexuell oder sie bezeichnen sich auch gern selbst als asexuell.

Doch vielleicht hast du es schon geahnt: Asexuell heißt nicht gleich asexuell, viel eher ist die Welt der Asexualität farbenfroh und die Menschen gehen ganz unterschiedlich mit ihrer Neigung um und haben auch verschiedene Haltungen gegenüber Sex.

  • Für manche Asexuellen ist Sex ein Tabu. Sie finden Geschlechtsverkehr absurd, pervers oder widerlich. Trotz ihrer Asexualität Sex zu haben, wäre für sie unzumutbar – selbst dann, wenn sie romanische Gefühle gegenüber einer Person haben.
  • Andere Asexuelle kennen durchaus körperliche Lustgefühle. Sie genießen ihren Orgasmus, wenn sie sich selbstbefriedigen, haben aber nicht das Bedürfnis, ihre Sexualität mit einer anderen Person zu teilen.
  • Einige Asexuelle empfinden zwar keine Lust beim Sex und würden ihn auch nicht „einfach so“ haben, aber haben auch kein Problem damit, trotz ihrer Asexualität hin und wieder Sex zu haben, zum Beispiel zur Kinderzeugung oder dem:der Partner:in zuliebe. Asexuelle können Sex sogar schön finden und dabei glücklich sein, weil sie die Lust des:der Partners:Partnerin und die zwischenmenschliche Nähe genießen.
  • Es gibt auch Asexuelle, die überhaupt keinen intimen Körperkontakt mögen, also niemanden umarmen oder küssen möchten. Andere hingegen legen großen Wert auf körperliche Zärtlichkeiten, aber klammern den Sex daraus eben aus.

Asexualität und Partnerschaft: Liebe ohne Sex

Viele Asexuelle sind in Liebesbeziehungen entweder mit anderen Asexuellen oder auch mit sexuell aktiven Menschen. Asexualtität muss also nicht zwingend mit Aromantik einhergehen, worunter man das mangelnde Bedürfnis nach einer festen Liebesbeziehung versteht. Im Gegenteil, gerade bei Menschen, die sich nicht auf eine feste Partnerschaft einlassen, also aromantisch sind, beobachtet man häufig, dass sie wechselnde Sexualpartner:innen haben, mit welchen sie im Rahmen von One Night Stands oder kurzen Affären unverbindlichen Sex haben. Selbstverständlich gibt es aber auch Menschen, die gleichzeitig asexuell und aromantisch sind. Kurzum: Es ist alles möglich, aber Asexualität und Aromantik gehen nicht automatisch Hand in Hand.

Aber wie soll ein Paar denn nun glücklich werden, wenn eine:r von beiden asexuell ist? Ist es nicht verletzend für den:die sexuell aktive:n Partner:in, wenn seine:ihre große Liebe keine Lust auf Sex hat? Fühlt man sich dann nicht immer unattraktiv, sexuell nicht anziehend, vielleicht sogar wertlos? Kann Sex Spaß machen, wenn man weiß, dass der:die Partner:in selbst keine sexuelle Befriedigung empfindet?

Doch wer wirklich will, findet Lösungen. Kati Radloff, die Gründerin eines Internetforums für Asexuelle, erzählt im SWR-Interview von ihren eigenen und den Ansätzen anderer asexueller Personen, die Liebesbeziehungen mit sexuell aktiven Partner:innen führen.

So gehen asexuelle und sexuell aktive Partner:innen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen um

  • Viele asexuelle Menschen öffnen ihre Beziehungen, das heißt, die nicht-asexuellen Partner:innen bekommen die Möglichkeit und die Erlaubnis, außerhalb der Beziehung Sex zu haben.
  • Einige Paare einigen sich darauf, dass die Beziehung frei von Sex bleibt. Der:die sexuell eigentlich aktive Partner:in verzichtet dann eben auf Sex oder holt sich seine:ihre sexuelle Befriedigung durch Masturbation.
  • Andere Paare lösen das, indem sie einander Zärtlichkeiten und Intimität schenken, während der:die sexuelle Aktive sich selbst befriedigt. Das ist dann ein gemeinsamer Akt, bei dem der:die Asexuelle keinen Sex haben muss und der:die sexuell Aktive dennoch auf seine:ihre sexuellen Kosten kommt.
  • Ebenso lassen sich zahlreiche Asexuelle auch auf eine Liebesbeziehung inklusive Sex ein. Sie schlafen ihrem:ihrer Partner:in zuliebe eben doch mit ihm:ihr, auch wenn sie keine sexuelle Lust empfinden. Sie finden Wege, dem Sex dennoch etwas Gutes abzugewinnen, freuen sich zum Beispiel über die Lust des:der Partners:Partnerin oder darüber, dass sie es schaffen, ihm:ihr das zu geben, was er:sie braucht.

Es lohnt sich auf jeden Fall, das SWR-Video mit der sympathischen Kati Radloff anzusehen:

Warum sind Menschen asexuell?

Ihre Asexualität ist den Betroffenen wohl in die Wiege gelegt worden. Sie sind einfach so, ebenso wie Hetero- oder Homosexualität angeboren ist. Andererseits bezeichnet die erwähnte Interviewte Sexualität auch als etwas Fließendes. Vielleicht kann eine asexuelle Person irgendwann doch plötzlich sexuelle Lust empfinden – vielleicht ja auch nur gegenüber einer einzigen Person, so wie Walter Faber: „Nur mit Hanna ist es nie absurd gewesen“, lässt Max Frisch seinen Protagonisten denken.

Asexuelle Menschen möchten in der Regel ausdrücklich nicht pathologisiert werden. Sie empfinden ihre Asexualität nicht als Krankheit, sondern als sexuelle Orientierung. Deshalb leiden sie auch nicht darunter.

Hat eine Person eine Abneigung gegen Sex, weil sie extrem streng erzogen worden ist, einem sexuellen Missbrauch zum Opfer gefallen ist oder ähnliche Traumata erlebt hat oder kann sie aus körperlichen Gründen keinen Sex haben oder keine Lust empfinden, ist das etwas Anderes. Hier liegen psychische oder physische Gründe zugrunde, ohne welche die betroffene Person wahrscheinlich sehr wohl Interesse an Sex hätte.

Im asexuellen Spektrum: Demisexualität

Als eine sexuelle Orientierung im asexuellen Spektrum gilt die Demisexualität. Der Begriff wird seit einigen Jahren für Menschen verwendet, deren sexuelle Bedürfnisse schwach ausgeprägt sind und die ausschließlich dann sexuelle Lust empfinden, wenn sie ihre:n Sexpartner:in aufrichtig lieben und eine starke emotionale Verbindung zu ihm:ihr haben. Ausführlicher beschäftigen wir uns mit Demisexualität in einem eigenen Artikel.

Max Frisch

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Die Welt des Ingenieurs Walter Faber wird durch eine unwahrscheinliche Kette von Zufällen erschüttert: Auf seinen Reisen trifft er eine junge Frau, in die er sich verliebt – und bald beginnt er zu ahnen, dass sie seine eigene Tochter sein könnte. Aus dieser ungeheuren Konstellation erwächst die wichtigste und mit Sinn gefüllteste Zeit seines restlichen Lebens …

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